Wer die Preise verschiedener Fluggesellschaften auf einer Strecke vergleicht, wird den Eindruck gewinnen, dass sie sich völlig willkürlich sind und sich wie auf dem Aktienmarkt stündlich ändern. Und das trifft tatsächlich zu. Besonders interessant finde ich es auch, meine Mitreisenden zu fragen, wie viel sie denn bezahlt haben; es ist unabhängig von der Länge des Fluges nicht selten das doppelte, bei Langstrecken auch schon das fünffache gewesen.
Auf Flughäfen und in Flugzeugen hört man deshalb regelmäßig Leute jammern, wie ungerecht und undurchsichtig die Preisfindung der Fluglinien seien. Undurchsichtig sind sie zweifelsfrei, doch ich käme nie auf den Gedanken, sie als ungerecht zu bezeichnen. Es handelt sich hier um freie Marktpreise und niemand ist gezwungen, Flugkarten zu kaufen; wem das Angebot nicht passt, kann die Bahn nehmen oder in den Urlaub radeln – wobei derjenige im ersten Fall besser nicht die Deutsche Bahn wählt, weil er sich sonst auch wieder die ganze Fahrt mit seinen Mitfahrern über die Halsabschneiderpreise des Unternehmens beklagen kann.
Akzeptieren Sie also das undurchsichtige Angebot der Fluggesellschaften und schon bald werden Sie sich in diesem Preisdschungel erstens leichter zurechtfinden und ihn zweitens lieben lernen. Warum das? Ganz einfach: Bald werden Sie zu den Gewinnern dieses Systems gehören.
Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich auf dem Heimflug aus Thailand. Und ich würde jede Wette eingehen, dass ich in diesem fast vollbesetzten riesigen Airbus der bin, der am wenigsten von allen für diese Reise bezahlt hat. Noch dazu bin ich, soweit ich das überblicken kann, der einzige, der eine ganze Sitzreihe für sich hat und sein Flugnickerchen liegend machen konnte und sicherlich einer von wenigen, der zwei Abendessen bekommen hat: einmal das übliche und einmal einen Ersatzsalatteller aus der ersten Klasse nebst der Entschuldigung der netten Flugbegleiterin, dass mein Sondermenü nicht an Bord ist. Diese kleinen Tricks verrate ich Ihnen weiter hinten in diesem Buch.
Ich glaube im übrigen nicht, dass sie soetwas von Ihrem Reisebüro hören würden. Schätzen Sie sich also glücklich, dass Sie von nun an durch den einmaligen Kauf dieses Werkes hier bei jedem Flug den zwei- bis dreistelligen Betrag einsparen, den Sie beim Reisebüro oder ähnlichen Mitverdienern draufzahlen würden.

Jede Fluggesellschaft hat als Unternehmen ein nachvollziehbares Interesse daran, mit ihren Flugzeugen möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften. Das ist garnicht so einfach, wie man erstmal meinen mag, da es hier nicht nur um Millionen und Milliarden geht, sondern auch um komplexe Zusammenhänge, von denen der gemeine Fluggast nichts ahnt. Kurz zusammengefasst verursacht jedes Flugzeug andauernd erhebliche Unkosten: Um den strengen Sicherheitsvorschriften nachzukommen muss es ständig gewartet und rund um die Uhr bewacht werden. Zudem entstehen immer hohe Nebenkosten, ob es gerade fliegt oder nur herumsteht. Dass eine fliegende Maschine Treibstoff und Gehälter für die Besatzung braucht, ist offensichtlich. Weit weniger bekannt ist, dass ein stehender Flieger je nach Flughafen noch um einiges mehr kosten kann, denn auch hier müssen Techniker, Putzfrauen und Bodenpersonal bezahlt werden und die Flughäfen verlangen nicht nur kaum vorstellbare Parkgebühren, auch für den gesamten Flughafenbetrieb müssen letztendlich die Fluglinien aufkommen. Haben Sie beispielsweise gewusst, dass die Bundespolizei für jede Sicherheitskontrolle fünf Euro in Rechnung stellt? In Amerika sind es sogar fast zehn!
Doch nicht nur die hohen Flughafengebühren sind ein Grund dafür, dass regelmäßig halbleere Flugzeuge durch die Gegend fliegen. Denn auch Passagiermaschinen verdienen nicht nur durch Fluggäste, sondern auch durch Fracht, häufig Eilfracht. So mancher Billigflieger erwirtschaftet ausschließlich mit seiner Ladung Gewinne. Damit ist nun auch erklärt, warum man bei immer mehr Flügen für Aufgabegepäck zusätzlich zahlen muss.

Was die Reisenden angeht, so gibt es für Fluggesellschaften und für Passagierunternehmen allgemein zwei Arten von Kunden: Die einen, die so billig wie möglich reisen wollen und die anderen, die auf bestimmte Verbindungen angewiesen und auch bereit sind, hohe Preise zu zahlen, wie zum Beispiel Geschäftsreisende oder Leute mit persönlichen Notfällen. Diese Gruppen gehen fließend in einander über.
Um daher bei jedem Fluggast das höchstmögliche herauszuholen, verkaufen die Anbieter nicht nur Econommy-Class. Businnes-Class und First Class, sondern auch innerhalb dieser Komfortklassen feiner abgestufte Buchungsklassen, die sich weitgehend nur an zwei Dingen unterscheiden: zum einen am Preis, zum anderen an dem eingeklammerten Buchstaben, der auf Ihrer Rechnung oder Buchungsbestätigung hinter der Komfortklassenbezeichnung steht, also zum Beispiel „Economy Class (W)“. Diese Buchstaben sind meiner Einschätzung nach übrigens bewusst so gewählt, dass man anhand ihrer keine weiteren Informationen aus dem Bauch heraus ableiten kann. Leichte Unterschiede kann man hie und da beim Service drumherum feststellen; auf dem Flug selbst sitzt man jedenfalls zwischen allen anderen und erfährt die gleiche Behandlung wie jeder andere dieser Komfortklasse.

Hier ein Beispiel: Wir sind eine Fluggesellschaft und bieten einen Flug auf einer bestimmten Strecke an. Unser Flugzeug hat 98 Sitze. Wir können also getrost einhundert Plätze anbieten. Falls Sie jetzt überrascht sein sollten – ich kann Ihnen versichern, dass das jede Fluggesellschaft so handhabt. In dem sehr unwahrscheinlichen Fall, dass tatsächlich alle hundert Plätze verkauft werden und dann auch noch alle hundert Fluggäste rechtzeitig am Flughafen erscheinen – zwei von hundert Leuten werden erfahrungsgemäß aus irgendwelchen Gründen nicht fliegen (siehe zum Beispiel „Taktisches Buchen“) oder den Flug verpassen – sucht das Bodenpersonal unter den Fluggästen zwei Freiwillige, die gegen eine Abfindung auf einen anderen Flug umgebucht werden.
Unsere hundert Plätze teilen wir nun in zehn verschiedene Preisstufen ein. Die teuersten Karten kosten 800 Euro. Das ist maßlos überteuert, aber dadurch stellen wir sicher, dass auch am Abflugtag noch Plätze frei haben für Leute, die bereit sind, richtig tief in die Tasche zu greifen. Diese Leute sind die wichtigsten Kunden, weil sie eine Menge Geld bringen und in der Regel auch mehr als einmal fliegen. Leider stellen sie nur eine Minderheit, weshalb wir unser Flugzeug auch mit Sparfüchsen voll kriegen müssen.
Zu diesem Zwecke bieten wir zehn weitere Plätze als „Sale“ oder „Promo“ für besonders günstige 80 Euro an. Die 80 Euro reichen gerade aus, um die Unkosten zu decken, aber sie bringen etwas, das viel wertvoller ist, als ein bisschen Gewinn: Information. Information nämlich, wie beliebt unser Flug ist. Je nachdem wie schnell diese zehn 80-Euro-Karten verkauft werden, können wir abschätzen, wie beliebt dieser Flug ist und wie teuer wir die restlichen Plätze verkaufen können. Diese bieten wir vielleicht zehn-plätze-weise in acht verschiedenen Preisklassen zu je 120, 150, 180, 220, 270, 350 und 450 Euro an. Gehen die billigen Plätze weg wie warme Semmeln, verkaufen wir keine weiteren mehr für 120 und 150, sodass die billigsten fortan 180 kosten. Sollte der Verkauf dagegen eher schleppend laufen, gehen wir mit den Preisen nach unten. Wenn eine Woche vor Abflug beispielsweise noch immer fast alle 270er-, 350er- und 450er-Karten nicht verkauft sind, verkaufen wir sie eben alle zwei Buchungsklassen billiger, bevor wir am Ende mit einem halbleeren Flieger abheben müssen.

In echt läuft das selbstverständlich alles viel, viel komplexer ab und vor allem computergesteuert. Jede Fluggesellschaft besitzt einen Hochleistungsrechner, der alle Verkaufsdaten der vergangenen Jahre berücksichtigt, auf dem genaue Statistiken gespeichert sind, an welchen Wochentagen zu welchen Uhrzeiten am meisten geflogen wird und wie sich die Nachfrage zu unterschiedlichen Jahreszeiten, Ferienzeiten und Ereignissen wie Weihnachten oder Großveranstaltungen ändert. So errechnet er schon beim Verkaufsstart die Preise für alle Flüge und passt sie bis zum jeweiligen Abflug stündlich an.
Wenn Sie also ganz sicher gehen wollen, einen Flug zu einem bestimmten Preis zu buchen, müssen Sie dies stets auf der Stelle tun. Nur so können Sie sicher sein, nicht wenig später schon hundert Euro mehr zahlen zu müssen. Allerdings verlieren Sie mit der Buchung auch die Chance auf niedrigere Preise.